Tai Chi - Rückkehr zur Natürlichkeit

Tai Chi - Rückkehr zur Natürlichkeit
Interview mit dem Tai Chi - Meister „George“ Xu Guo Ming

Frage: Im 21. Jahrhundert mit unserer modernen Technologie brauchen wir da eigentlich noch Tai Chi Chuan als Kampfkunst? Wir haben so viele verschiedene Sportarten, wozu sollten wir uns noch mit einem traditionellen chinesischen Kampfkunstsystem beschäftigen?

Antwort: Es ist wahr, wir haben große kulturelle, vor allem technologische Fortschritte gemacht, außerdem sind wir heutzutage zivilisierter und verfügen über ein sehr viel größeres Wissen als früher. Leider haben wir dabei auch viel von unserer ursprünglichen Körpertradition verloren. Wir haben heutzutage einen großen Abstand zu unserer „wilden Vergangenheit“, dem einstigen „natürlichen“ Menschen und seinen ursprünglichen körperlichen Fähigkeiten. Andererseits sehnen wir uns zurück in eine Zeit, als alles noch in einem originären Zustand war.
Es geht um die Rückkehr zur Natürlichkeit. Wir kennen diesen Trend bei den Nahrungsmitteln. Früher, bevor die industrielle Nahrungsproduktion entwickelt wurde, waren alle Nahrungsmittel organisch, natürlich. Solche Lebensmittel gab es irgendwann fast nicht mehr auf dem Markt. Aber jetzt gibt es immer mehr Bioläden, in denen wir organische Lebensmittel kaufen können. Das ist eine Rückbesinnung auf Natürlichkeit – zur Vergangenheit. Wir lernen langsam aus unseren Fehlern und tun viel für gesunde Luft, gesundes Wasser und gesunde Ernährung.

Aber wir tun noch zu wenig für unseren Körper. Unser Körper selbst muss wieder zu einem „Bio-Körper“ werden und zu seiner Natürlichkeit zurückfinden.
Tai Chi ist eine alte Kampfkunst. Wenn man diese Kunst ernsthaft und bewusst betreibt, so ist es ähnlich, wie im Bioladen einkaufen zu gehen, um gesunde organische Lebensmittel zu erstehen. Man geht sozusagen in ein „biologisch-organisches Fitness-Studio“, um die natürlichen Bewegungsfertigkeiten wieder zu erlangen. Der zivilisierte Körper soll wieder ein natürlicher Körper werden.


Frage: Welche Rolle spielt dabei das Prinzip von Yin und Yang?
Antwort: Tai Chi Chuan als chinesische Kampfkunst basiert natürlich auf den Prinzipien von Yin und Yang wie das gesamte Universum.
Der große Unterschied zwischen uns Menschen und beispielsweise einem Tiger im Dschungel liegt in unserem Egozentrismus, dass wir Menschen immer nach uns selbst schauen.
Wir achten mehr auf unsere Kleidung, auf die Mode, weniger auf unsere Umgebung. Im Gegensatz zum Tiger im Dschungel, dessen Aufmerksamkeit immer auf seine gesamte Umgebung gerichtet ist. Selbstverständlich pflegt er auch seinen Körper, aber was immer er tut, seine Wahrnehmung ist dabei auf seine gesamte Umgebung gerichtet. Immer nimmt er sowohl sich selbst als auch den Raum um sich herum wahr. Er nutzt diese Energie des Raumes und vergrößert dadurch seine eigene. Das ist Yin und Yang.
Viele Menschen, die sich in einer Kampfkunst üben, achten dagegen nur auf sich selbst, sie wollen stark sein und sind immer damit beschäftigt, ihre Kraft zu steigern. Das ist zu Ich-bezogen.
Sie achten nie auf die Energie des Raumes, lernen nicht, wie sie zur Wirkung gebracht werden kann. Denn die Energie eines Körpers ist immer begrenzt, die des Raumes jedoch nicht. Es ist die geistige Energie jenseits des Körpers. Ist der eigene Körper yin, dann ist die Energie des Raumes yang. Das ist die Harmonie des Universums.

Da er in Harmonie mit der Energie des Raumes ist, hat der Tiger zudem zwei Körper. Die Oberfläche ist yin, im Innern aber ist er yang.
Dieser innere Körper ist viel lebendiger, kraftvoller und er bewegt sich stets zuerst.
Ein Beispiel aus dem Alltag: wenn wir ein Glas Wasser greifen wollen, tun wir es mit der Hand, dem Arm, der Schulter. Wenn ein Tiger Wasser trinkt, dann geht der ganz Körper mit und zwar nicht der äußere, sondern der innere Körper. Der äußere Körper bleibt entspannt und kann jederzeit zusätzlich eingesetzt werden.
Heutzutage nutzen wir „zivilisierten“ Menschen unsere inneren Körper nicht mehr bewusst. Eigentlich kennen wir ihn überhaupt nicht mehr. Uns gingen das Wissen und das Gefühl, sogar das Bewusstsein über unseren inneren Körper verloren. Wie kann man da seinen Körper gesund erhalten oder wirkliche Stärke erlangen?


Die Fragen stellte Stefan Frey, Leiter des Taozentrums Frankfurt, Schule für Tai Chi Chuan, Qigong und Tao Yoga. www.taozentrum-frankfurt.de oder www.meister-xu.de

Stefan Frey


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