Spiegel Online Wissenschaft berichtet (Resveratrol) Teil 2
Bericht von Jörg Blech
Die Vorstellung, das Altwerden eines Organismus mit einer simplen Pille manipulieren zu können, wurde bisher als Quacksalberei abgetan. Sollte sich nun doch der uralte Menschheitstraum von der ewigen Jugend erfüllen?
Tatsächlich scheint Resveratrol auf einen wichtigen Regelkreis zu wirken. Diese Substanz sei "das erste Beispiel für einen Wirkstoff, der offenbar den gesamten Alterungsprozess beeinflussen kann", sagt Felipe Sierra vom National Institute on Aging im amerikanischen Bethesda.
Die Grundlage dafür wurde Anfang der neunziger Jahre in Guarentes Labor am MIT geschaffen. Dort studierten die Forscher Hefezellen, die besonders lange lebten: aufgrund einer genetischen Veränderung, wie sich herausstellte.
Der Australier Sinclair stieß 1995 zu Guarentes Forschungsgruppe und entdeckte alsbald, was dieses ominöse Gen macht: Es stellt ein Enzym her, welches das Erbgut schützt und auf diese Weise die Hefezellen länger leben lässt. Guarente wiederum erkannte, dass dieses Enzym direkt an den Stoffwechsel gekoppelt ist: In Zeiten von Nahrungsmangel schaltet der Organismus das Schutz-Enzym an - und lebt dadurch länger.
Lange hatten Forscher die kalorische Restriktion für einen rein passiven Prozess gehalten: Während einer Hungerszeit fahren Organismen ihren Umsatz herunter und produzieren weniger schädliche Abfallprodukte. Nun aber behaupteten Guarente und Sinclair, die kalorische Restriktion sei eine aktive Antwort auf die Umwelt, eine Stressreaktion: Ein bestimmtes Enzym wird angeschaltet, wenn es keine Nahrung gibt.
Das Enzym, auf den Namen "Sirtuin" getauft, findet sich nicht nur in Hefezellen, sondern auch in einer Vielzahl höherer Organismen - offenbar gehören die Sirtuine zur Grundausstattung des Lebens. Bei Säugetieren wurden sogar sieben verschiedene Sorten des Enzyms entdeckt. Sie werden nach einigen Stunden ohne Mahlzeit angeschaltet und aktivieren ihrerseits bestimmte Proteine: Eine noch wenig verstandene Kaskade von Aktionen erhöht daraufhin Widerstandskraft und Vitalität der Zelle.
Der nächste Schritt war damit klar: die Suche nach einem Wirkstoff, der die Sirtuine gezielt anschaltet. Vor drei Jahren wurde Sinclair, der zwischenzeitlich vom MIT nach Harvard gewechselt war, fündig. Sein Team entdeckte 19 verschiedene pflanzliche Moleküle, welche das Sirtuin in Hefezellen aktivieren - unter ihnen auch Resveratrol, das in Erdnüssen, aber auch im Rotwein zu finden ist.
Dass diese pflanzlichen Moleküle allem Anschein nach die Lebenserwartung und das Wohlbefinden von Tieren beeinflussen, ist für Sinclair mehr als bloß Zufall. Er vermutet, dass diese Substanzen auch in Pflanzen eine Stressreaktion auslösen: Bei zu viel Sonne etwa oder bei Pilzbefall stelle die Pflanze sie her, um die pflanzeneigenen Sirtuine zu aktivieren.
Nach eigener Auskunft bekommt Sinclair jede Woche einen Job angeboten, und zwei hat er schon. Er ist nicht nur Harvard-Professor, sondern auch Mitgründer der Firma Sirtris Pharmaceuticals, die ein paar Kilometer nördlich von Sinclairs Labor liegt. 40 Mitarbeiter fahnden hier nach Substanzen, die noch besser sind als Resveratrol.
Das Unternehmen hat bereits 82 Millionen Dollar Startkapital gesammelt und zählt den Medizin-Nobelpreisträger Phillip Sharp zu seinen Beratern.
Zu Sinclairs Ehrgeiz passt es, dass er die Ergebnisse seiner eigenen Forschung nicht abwarten will. Schon heute nimmt er jeden Tag mehrere Resveratrol-Kapseln, die es als Nahrungsergänzungsmittel zu kaufen gibt. Amüsiert schaut er seinen Besucher an, während er eine der Pillen mit dem Kaffee schluckt: "Wenn ich in 100 Jahren noch hier bin", sagt er, "werden wir wissen, dass es gewirkt hat."
Den Pillenkonsum des Harvard-Biologen halten einige seiner Kollegen für wenig seriös. Mit Besorgnis haben sie verfolgt, wie rasant der Resveratrol-Umsatz nach oben geschnellt ist, seit sie ihre Ergebnisse in "Nature" veröffentlicht haben. Wer die Substanz jeden Tag zu sich nehme, so warnen sie, riskiere womöglich bedrohliche Nebenwirkungen. Überdies sei eine Wirksamkeit beim Menschen noch gänzlich unbewiesen. "Die Präparate müssten doch erst einmal in klinischen Studien getestet werden", urteilt Guarente, der sich einstweilen durch Sport jung hält.
Auch Christoph Westphal, Mediziner und Chef der von Sinclair mitgegründeten Firma Sirtris Pharmaceuticals, reagiert mit Unverständnis: "Alle unsere Daten deuten darauf hin, dass man mit herkömmlichen Resveratrol-Präparaten im menschlichen Körper keine wirksame Konzentration erreicht." Das Unternehmen hat deshalb eine verbesserte Resveratrol-Version entwickelt und testet sie gegenwärtig an mehr als 80 Menschen, die unter Diabetes Typ 2 leiden. Überdies haben die Mitarbeiter eine Substanz entdeckt, die das Sirtuin-Enzym 1000-mal leichter aktiviert als herkömmliches Resveratrol. Sie soll im nächsten Jahr erstmals von menschlichen Probanden geschluckt werden.
Bei den geplanten Versuchen könnte allerdings auch herauskommen, dass die Firma aufs falsche Pferd gesetzt hat. Denn die Zusammenhänge des Alterns erscheinen verwickelter, je genauer die Forscher hinschauen. Die angebliche Zaubersubstanz Resveratrol ist, was manche Pharmakologen einen "dreckigen" Wirkstoff nennen: Sie aktiviert nicht nur die Sirtuine, sondern zugleich eine große Zahl von Proteinen und biochemischen Regelkreisen. "Wir haben noch keine Ahnung, wie das komplette Bild aussieht", sagt Gerontologe Weindruch, der in Madison die hungernden Rhesusaffen studiert.
Ohnehin bezweifeln viele Experten, dass man etwas so Vielschichtiges wie das Altern mit einem einzigen Wirkstoff zu beeinflussen vermag. Körperzellen verfügen über Mechanismen, mit denen sie die Wirkung einer Pille kompensieren können, gibt Donald Ingram vom National Institute on Aging zu bedenken. Zudem müssten vermutlich verschiedene Kreisläufe gleichzeitig durch unterschiedliche Substanzen beeinflusst werden.
Wem die Überlegungen der Pharmakologen abschreckend erscheinen, der mag im Rotwein Trost suchen - als Gesundbrunnen allerdings taugt der Rebensaft leider nicht. Ein Liter Rotwein enthält maximal 15 Milligramm der vermeintlichen Zaubersubstanz Resveratrol. Wer auf die in den Mäusen erfolgreiche Dosis kommen wollte, müsste jeden Tag mindestens 150 Flaschen leeren.
Quelle: Spiegel Online Wissenschaft Gesundheit
vom 11.12.2006
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,453747-2,00.html
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