Spiegel Online Wissenschaft berichtet (Resveratrol) Teil 1
Bericht von Jörg Blech
Ständiges Fasten hält gesund und verlängert das Leben um bis zu 50 Prozent - das scheinen Experimente mit Spinnen, Fischen, Mäusen und Affen zu zeigen. Nun testen Forscher eine Pille, die den Effekt ganz ohne Hungerkur simuliert. Lassen sich so die Krankheiten des Alters besiegen?
Mit hängenden Schultern, müden Augen und Schmerbauch hängt Owen in seinem Quartier. Nur wenn er eine Banane sieht, erhebt er sich schwerfällig und streckt seine zittrige Hand aus. Aber seine Hinfälligkeit ist verständlich: Owen ist ja schon 26 Jahre alt.
Teilnehmerinnen eines Fitness-Trainings: Uralter Menschheitstraum von der ewigen Jugend
Nicht weniger betagt allerdings ist Canto im Käfig nebenan - aber viel besser im Strumpf: Das schlanke Tier putzt sein Fell und begrüßt Besucher mit gehörigem Tumult. Voller Elan schnappt es sich seine tägliche Portion Obst.
Owen und Canto sind Rhesusaffen und beide Teilnehmer eines einzigartigen Experiments. Es hat vor Jahren begonnen und liefert jetzt aufschlussreiche Antworten auf eine uralte Frage: Was muss man tun,um ein langes, gesundes Leben zu leben?
Um das herauszufinden, haben im Jahr 1989 Forscher des Wisconsin National Primate Research Center im amerikanischen Madison 30 damals zehnjährige Rhesusaffen in einen fensterlosen Raum gesperrt. 15 der Tiere durften fortan so viel futtern, wie sie wollten. Die 15 anderen mussten sich mit 30 Prozent weniger Kalorien begnügen. Für eine ausreichende Versorgung mit Mineralien und Vitaminen war in beiden Gruppen gesorgt.
Abgesehen davon, dass Owen und die anderen Schlemmer-Affen bald Bäuche ansetzten, zeigten sich jahrelang keine Abweichungen zwischen den Gruppen.
Doch nun erreichen die Tiere die durchschnittliche Lebenserwartung der Rhesusaffen - und auf einmal werden allerlei Unterschiede augenfällig: Die Affen, die tüchtig reinhauen durften, haben nicht nur 70 Prozent mehr Fett am Leib. Ihr Fell wird auch früher struppig, sie verlieren mehr Haare und haben ein faltigeres Gesicht.
Das sei jedoch noch nicht alles, erklärt der Wissenschaftler Richard Weindruch, 56, der das Experiment leitet: "Wir beginnen jetzt, einen echten Überlebensvorteil der fastenden Tiere zu sehen." Nur 5 der 15 Hungerleider sind bisher gestorben: also genau ein Drittel. Von den 15 Vielfraßen indes hat es schon 8 Exemplare dahingerafft und damit mehr als die Hälfte.
Fasten verlängert das Leben - das haben Forscher zuvor schon an Hefezellen, Spinnen, Fliegen, Fischen, Mäusen und Ratten gesehen. Sie nennen diese Diät "kalorische Restriktion" und haben es auf eine grobe Formel gebracht: Wer 30 bis 50 Prozent weniger frisst, der lebt 30 bis 50 Prozent länger. Und wichtiger noch: Krankheiten wie Diabetes Typ 2, Krebs, Schlaganfall und Demenz treten unter fastenden Tieren viel seltener oder später auf - das Altwerden geschieht häufig bei bester Gesundheit.
Die kalorische Restriktion schaltet offenbar einen uralten Überlebensmechanismus an; betroffene Organismen lassen es ruhiger angehen. Die Körpertemperatur von Rhesusaffen etwa sinkt um 0,5 Grad Celsius; die verbleibenden Kräfte werden darauf verwendet, Schäden in den Zellen zu reparieren.
Noch fehlen beim Menschen zwar Beweise für die Heilkraft des Hungerns. Jedoch deuten nicht nur die Affenversuche in Wisconsin darauf hin, auch eine neue Untersuchung legt eine Wirkung der kalorischen Restriktion zumindest nahe. Wissenschaftler der Louisiana State University setzten 24 Menschen auf Diät: Sie durften nur 75 bis 88 Prozent der Kalorienmenge zu sich nehmen, die sie brauchen, um ihr Gewicht zu halten.
Nach sechs Monaten wurden die Hungerkünstler untersucht: Sie hatten günstigere Insulinwerte und weniger Schäden im Erbgut.
Jeff Miller / University of Wisconsin-Madison
Versuchsaffen Canto, Owen Struppiges Fell, faltiges Gesicht
Eine andere Studie wiederum offenbarte, dass auch schädliche Blutfette vermindert werden. "Es erscheint mir deshalb sehr wahrscheinlich", sagt Weindruch, "dass eine kalorische Restriktion Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugt."
Weltweit schieben zwar bereits Tausende Menschen in der Hoffnung auf ein langes Leben Kohldampf, aber als Kur für die Massen taugt dieser freudlose Verzicht nicht. "Es würde im Grunde bedeuten: Man darf nur noch jeden zweiten Tag essen", sagt Lenny Guarente, 54, Alternsforscher vom Massachusetts Institute of Technology (MIT).
Doch jetzt glauben Guarente und andere Forscher einen Weg gefunden zu haben, wie sich die Vorteile des Fastens erlangen lassen, ohne dafür leiden zu müssen: Sie sind einer Pille auf der Spur, welche die Effekte der kalorischen Restriktion simuliert.
David Sinclair von der Harvard Medical School in Boston meint sie sogar schon gefunden zu haben. Der 37-jährige Molekularbiologe hat in den vergangenen Jahren eine Substanz namens Resveratrol an Fadenwürmer, Hefezellen, Fliegen und Mäuse verfüttert. "In jedem bisher getesteten Organismus hat sie das Leben verlängert."
Auch scheine die Substanz generell die Gesundheit zu stärken, berichten Sinclair und seine Kollegen in der Fachzeitschrift "Nature". In der Studie setzten sie Labormäusen eine mörderische Diät vor: 60 Prozent der Kalorien stammten aus Fett. Nach einigen Monaten hatten die Mäuse eine Fettleber, Anzeichen von Diabetes Typ 2 und starben in größerer Zahl - sie hatten sich regelrecht zu Tode gefressen.
Anders erging es Tieren in einer Vergleichsgruppe: Diese Mäuse wurden genauso gemästet, bekamen aber mit dem Futter hohe Dosen an Resveratrol (jeden Tag 22 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht). Zwar wurden auch diese Tiere fett, ihre Blutzuckerwerte und ihre Leber jedoch blieben normal, und ihre Lebenserwartung war nicht beeinträchtigt - Völlerei ohne Reue.
Dass Resveratrol anscheinend auch das körperliche Leistungsvermögen erhöht, haben vor kurzem französische Forscher im Fachmagazin "Cell" vermeldet. Eine normale Labormaus schafft auf einem Laufband ungefähr einen Kilometer, ehe sie erschöpft zusammenbricht.
Doch Exemplare, die im Futter Resveratrol bekamen, rannten doppelt so weit. Überdies war ihre Herzfrequenz erniedrigt, und in ihren Muskelzellen hatten sie eine erhöhte Zahl von Mitochondrien, jenen Strukturen, die den Zellen Energie zur Verfügung stellen.
"Resveratrol lässt einen aussehen wie ein trainierter Athlet - nur dass man gar nicht trainiert hat", sagt der federführende Forscher Johan Auwerx vom Institut de Génétique et de Biologie Moléculaire et Cellulaire im elsässischen Illkirch. Diese Veränderungen haben die Wissenschaftler allerdings mit extrem hohen Dosen erkauft. Mit bis zu 400 Milligramm Resveratrol pro Kilogramm Körpergewicht wurden die Tiere jeden Tag gedopt.
Weiter zu Teil 2
Quelle Spiegel Online Wissenschaft Geundheit vom 11.12.2006
SPIEGEL-Artikel:
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,453747,00.html
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