Pflanzen und freie Radikale: Ihre Rolle in Vorbeugung

Prof. Dr. Kurt Hostettmann von der Universität
Lausanne referierte schon 2004 über Arzneipflanzen als
Radikalfänger.


Tagungsbericht 16. Schweizerische
Tagung für Phytotherapie:SMPG
Phytotherapie und Stoffwechsel


Gesundheitsschädigende Radikale entstehen durch ultraviolettes Licht, ionisierende Strahlung, reaktive chemische Substanzen, Katalysatoren und/oder Enzyme aus
Sauerstoff, Wasserstoffperoxid und Hydroxylionen. Ausgelöst wird ein oxidativer Stress, der
den Stoffwechsel beeinflussen kann. Bei Krankheitsbildern wie Atherosklerose, Krebs, chronische Polyarthritis, möglicherweise auch Morbus Parkinson und nach ischämischen Attacken spielt der oxidative Stress eine Rolle. Täglich sind wir Menschen vielen Radikalen ausgesetzt.
In Form von Antioxidantien werden zum Schutz viele Radikalfänger mit der Nahrung
eingenommen, z.B. Vitamin E (á-Tocopherol), Vitamin C und verschiedene Carotinoide, insbesondere â-Carotin. Zahlreiche weitere in Pflanzen vorkommende Naturstoffe zählen
ebenfalls zu den Radikalfängern, insbesondere Flavonoide, Procyanidine, Anthocyane, Tanni-
Der Gehalt an Epigallocatechin-3-o-gallat (EGCG), das bei der Fermentierung von Grüntee
zu Schwarztee polymerisiert und deshalb verschwindet, ist entscheidend. In Testsystemen
hat EGCG eine grössere antioxidative Kraft als Vitamin E. Daraus abgeleitet wird ein bei regelmässigem Konsum bestehender Schutz gegen die Entstehung verschiedener Krebsformen,
insbesondere von Speiseröhren-, Magen- und Lungenkrebs sowie Krebsfomen im Urogenitalsystem und im Darm.
Aktuell im Gespräch ist eine hohe Erfolgsquote
von Grüntee bei der Gewichtsreduktion. «Viel Publizität und wenig Beweise» - so der Kommentar Hostettmanns zu diesem Thema. Hierfür fehlen noch wissenschaftliche Grundlagen. Eine Studie in Lausanne zeigte keinen Effekt des in Grüntee vorhandenen Koffeins auf die Energiebilanz.
Kontrovers fallen die Experimente mit Grüntee bezüglich Thermoregulation und Hemmung
der Lipasen aus. Häufig werden im Grüntee Pestizidrückstände gefunden, dies sei jedoch
nicht so beunruhigend, da die Pestizide schlecht wasserlöslich sind, meinte Hostettmann.
Ein chemotherapeutisches Potential wurde auch für Curcumae rhizoma beobachet. Kurkumawurzel ist ein Bestandteil von Curry. Die Stammpflanzen (Curcuma longa und C. xanthorrhiza) gehören wie Ingwer zur Familie der Zingiberaceae. Kurkumawurzelpulver wird gelegentlich zum Strecken von Safran gebraucht, da es billiger ist. Curcumine heissen die gelben
Farbstoffe. Sie geben dem Curry die charakteristische Farbe. Die klassische Indikation für
Kurkumawurzelpulver ist die Verdauungsförderung. Eine 2002 publizierte Studie zeigte,
dass bei hohem Konsum von Kurkumawurzel die Kolonkarzinomrate deutlich reduziert werden
konnte. Eine andere Studie, die bei Kurkumawurzelkonsum weniger Katarakte fand, ist
wissenschaftlich nicht ausreichend fundiert.
Thai-Ingwer und Ingwer haben ähnliche Eigenschaften wie Kurkuma.
Lycopene - der grosse Schlager? In Tomaten findet man hohe Konzentrationen
an Lycopen, einem langkettigen Karotin, das als Lebensmittelfarbstoff anerkannt ist und als untoxisch gilt. Mit dieser Substanz setzt sich vor allem die amerikanische Krebsforschung auseinander. Bei hohem Tomatenkonsum (insbesondere in Form von Tomatensauce) war gemäss
einer Studie, die im «Journal of Natural Cancer Institute» publiziert wurde, das Risiko
an einem Prostatakarzinom zu erkranken um 36% gesenkt. Und wen überrascht's: Auch aufgereinigtes Lycopen ist in den USA als Nahrungsergänzungsmittel im Handel.
Leontopodium alpinum - eine potentielle Arzneipflanze?Es gibt 41 Arten von Edelweiss (Leontopodium alpinum), die meisten im Himalaya. Pflanzen, und Lignane. Es sind dies ausschliesslich Polyphenole. Sie sind denn auch die gewichtigsten Inhaltsstoffe verschiedenster Arzneipflanzen.
Flavonoide und Polyphenole als Radikalfänger Ginkgo biloba ist eine Arzneipflanze, die entwicklungsgeschichtlich 50 Millionen Jahre zurückverfolgt werden kann. Sie enthält zahlreiche
Verbindungen mit Radikalfängereigenschaften. Bestens bekannt sind die Ginkgolide
und die Flavonoide. Mit dem hohen Gehalt an Polyphenolen wird ihre Resistenz gegen Luftverschmutzung, tiefe Temperaturen, Viren, Pilze, Insekten und Feuer erklärt. Berühmt ist
die Geschichte, dass ein Ginkgo-biloba-Baum wegen seiner ausserordentlichen Resistenz 1945
die Atombombe von Hiroshima überlebt hat. Die medizinische Wirkung von Ginkgo biloba
ist vielfältig. Neu entdeckt wurde ein neuroprotektiver Effekt. Basierend auf diesen und anderen
pharmakologischen Befunden sowie auf neueren klinischen Studien erkennt die WHO
für Ginkgo biloba die Indikation Morbus Alzheimer an. Reich an Flavonoiden und Procyanidinen
ist auch der Weissdorn. In der Mariendistel sind es die Silybine (sie zählen ebenfalls zu
den Flavonoiden), die die Peroxidation der Lipide in den Mitochondrien und Mikrosomen
hemmen.
In vino sanitas
Resveratrol ist eine Substanz, die in der Haut von Weintrauben vorkommt und immer wieder im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen steht. 1976 wurde das potente Antioxidans in der Frucht, 1992 im Wein selbst nachgewiesen. Im Rotwein ist die Resveratrol-Konzentration (3-8 mg/l) deutlich höher als im Weisswein (0,03 mg/l).
Das «französische Paradoxon» findet in der positiven antioxidativen Wirkung des
Weins eine Erklärung: Trotz insgesamt ungesundem, üppigem Essen besteht in Frankreich
eine niedrige kardiovaskuläre Mortalität. Im Gegensatz dazu findet man in Finnland eine
hohe kardiovaskuläre Mortalität bei niedrigem Weinkonsum. Aktuellste Studien zeigen, dass
Resveratrol die von den alveolären Makrophagen ausgeschütteten entzündlichen Zytokine inhibiert. Ob deshalb mit Wein eine Raucherkrankheit (COPD = chronic obstructive pulmonary
disease) behandelt werden kann, wie es gewisse Schlagzeilen verkünden, bleibt fraglich.
In den USA kann reines Resveratrol als Nahrungsergänzungsmittel bereits gekauft werden.
Die Europäer stehen dieser Entwicklung bisher noch skeptisch gegenüber. Sie ziehen wohl den
Wein vor!

Auszug aus Forsch Komplementärmed Klass Naturheilkd
2004;11:53-55

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Ilse Maria Greiner


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